Gedanken zum Gendern

Warum eine geschlechtergerechte Sprache notwendig ist? Und wie man das Gendern mit der deutschen Grammatik in Einklang bringen kann.

Als Marketingberater haben Die Heldenhelfer natürlich regelmäßig mit Sprache, Text und Sprachverständnis zu tun. Dort begegnet uns regelmäßig das Thema „Gendern“, weshalb wir hier den Beitrag des Wissenschaftskommunikators Gerhard Samulat mit seinen Vorschlag der „oder“-Form präsentieren möchten. 

Gerhard Samulat Wissenschaftskommunikation

© DPG/Heupel

Seine Kernthese: Wir müssen nicht die deutsche Sprache ändern, sondern unser Sprachverständnis respektive unseren Sprachgebrauch!

 

Gastbeitrag von Gerhard Samulat, Wissenschaftsjournalist und Wissenschaftskommunikator aus Wiesbaden, der denkt, er sei ein Mann.

Vorbemerkung zum Gendern

Die deutsche Sprache ist – wie wohl die meisten anderen auch – im steten Wandel. Und das ist gut so. Seit einigen Jahrzehnten soll berechtigterweise die Rolle der Frau in der Gesellschaft stärker ins Bewusstsein gerückt werden. Auch sprachlich. Dies wird heute vielfach in der Form der Beidnennung männlich/weiblich respektive noch deutlicher in der Form weiblich/männlich gemacht.

Seit einigen Jahren treten zudem Menschen in unser Bewusstsein, die sich aufgrund verschiedener biologischer oder körperlicher Merkmale nicht eindeutig dem Männlichen oder Weiblichen zuordnen lassen: Die intersexuellen Menschen.

Beispiele für diese Menschen, die auch durch die Medien gingen, sind unter anderem die südafrikanische Mittelstreckenläuferin Mokgadi Caster Semenya oder die neuseeländische Gewichtheberin Laurel Hubbard.

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist auch die Dokumentation des Fernsehsenders VOX „Männlich, weiblich, divers – Was ist das dritte Geschlecht?

Auch diese Menschen dürfen selbstverständlich nicht diskriminiert werden – weder sprachlich noch sonst wie. Es sollte deswegen die Sprache respektive das Sprachverständnis oder der Sprachgebrauch angepasst werden. Ein Umdenken ist nötig, um alle Menschen sprachlich zu integrieren und wegzukommen von einer diskriminierenden Sprache, die bislang männlich dominiert war und größtenteils noch ist.

 

Zur Mächtigkeit der deutschen Sprache

Die deutsche Sprache ist sehr vielschichtig – seit Äonen spricht sie Menschen aller Geschlechter an: Neben dem Maskulinum und dem Femininum gibt es in der deutschen Sprache auch das Neutrum. Umgangssprachlich wird das Neutrum bedauerlicherweise oft als der Artikel für das „Sächliche“ bezeichnet. Das ist allerdings nicht korrekt, da man zum Beispiel ein Mädchen (Neutrum!) oder ein Kind wohl kaum als Sache betrachten kann. Ähnlich verhält es sich mit Begriffen wie: das Wesen, das Geschöpf oder das Mitglied (einer Gemeinde). Soweit zur Flexibilität der deutschen Sprache in Bezug auf die Geschlechter.

Meines Erachtens braucht die deutsche Sprache daher nicht unbedingt verbogen zu werden, um auch Menschen anzusprechen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen, die also nach derzeitigem Sprachgebrauch als „divers“ bezeichnet werden.

 

Wer ist divers?

Meinem Menschenbild liegt der Grundgedanke zugrunde, dass es keine einhundertprozentigen Männer oder Frauen gibt. Diese alte, binäre Geschlechterlogik (siehe Grafik 1) sollte als überholt gelten.

Binäre Geschlechterlogik

Binäre Geschlechterlogik – Grafik zum Gastgbeitrag „Gedanken zum Gendern“ von Wissenschaftskommunikator Gerhard Sanulat

Allerdings wird meines Erachtens auch das trinäre Menschenbild männlich/weiblich/divers der Realität nicht gerecht.

Meiner Überzeugung nach steckt in jedem Mann etwas Weibliches und in jeder Frau auch etwas Männliches (siehe Grafik 2: Menschheitsgerade). Die Menschen können nicht einfach in „Schubladen“ gepackt werden: hier Männlein, dort Weiblein, und der Rest kommt zu Divers. Vielmehr ist jeder Mensch einzigartig. Oder um es mal mit den Worten der britischen Komikergruppe Monty Python zu sagen: Wir sind alles Individuen!

Menschheitsgerade

Menschheitsgerade – Grafik zum Gastgbeitrag „Gedanken zum Gendern“ von Wissenschaftskommunikator Ge

Grafik 2: Alle Menschen verorten sich irgendwo zwischen 100 Prozent weiblich (F; blau) und 100 Prozent männlich (M; rot). Intersexuelle Menschen würden demnach in der Mitte „um die 50 Prozent herum“ liegen (lila Bereich).

Eine interessante Frage, mit der sich wohl die Genderforschung und ggf. die Rechtsprechung beschäftigen müsste, ist, wie groß die Überschneidung/Schnittmenge ist, und ab wann ein intersexueller Mensch oder andere Personen „Anspruch“ auf eine eigene Ansprache hätten. Müssen beispielsweise etwa schon Frauen, die nur „zu 70 Prozent Frauen sind“ bereits als divers angesehen werden, oder Männer, die nur „zu 60 Prozent Männer sind“? Wo genau beginnt die Grenze? Kann das jeder frei für sich entscheiden? Können Männer, um eine mögliche Frauenquote zu umgehen, einfach von sich behaupten, sie fühlten sich als Frauen? Oder können die sogar dann an sportlichen Wettbewerben teilnehmen, weil sie sich dort bessere Chancen ausrechnen, Rekorde zu brechen? Oder, um es mit den Worten des Musikers Herbert Grönemeyer zu sagen: Wann ist ein Mann ein Mann? Faktisch wäre wohl jede Einteilung willkürlich. Daher ist es auch schwierig, für alle Menschen eine eigene Anrede definieren zu wollen.

Der Wunsch intergeschlechtlicher Menschen als „divers“ bezeichnet zu werden, ist damit wohl dem (bislang hypothetischen) Wunsch von Männern gleichzustellen, Machos genannt zu werden, wenn sie beispielsweise zu mindestens 97 Prozent männlich sind, oder dem (ebenfalls bislang hypothetischen) Wunsch von Frauen, die beispielsweise zu mindestens 93 Prozent weiblich sind, als „Vollblutfrauen“.

Es wäre zwar sehr befremdlich, aber durchaus berechtigt, wenn sich Machos oder Vollblutfrauen diskriminiert fühlten und darauf drängten, dass man sie künftig mit „Sehr geehrte Machos“ oder mit „Sehr geehrte Vollblutfrauen“ anredete.

Bei einer diskriminierungsfreien Sprache geht es aber nicht primär um Wünsche, sondern um Rechte. Dennoch darf selbstverständlich niemand aufgrund seines Wesens diskriminiert werden. Aber jemanden zu diskriminieren ist etwas anderes als dass sich jemand diskriminiert fühlt.

Im Folgenden möchte ich zeigen, dass eine Beidnennung mit der Konjunktion „oder“ uns aus der Misere helfen kann. In diesem Zusammenhang sei ferner auf die Möglichkeiten der geschlechtergerechten Sprache hingewiesen (siehe u.a.: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschlechtergerechte_Sprache#Neutralisierung).

 

Beidnennung mit Oder-Konjunktion

Um zu zeigen, dass uns eine Beidnennung (der beiden Pole männlich/weiblich) mit einer Oder-Konjunktion aus dieser Misere helfen kann, lässt sich die Aussagenlogik heranziehen. Dabei überführen wir die obige Menschheitsgerade in Kreise (siehe Grafik 3). Sie sollen alle (gut acht Milliarden) lebenden Menschen umfassen (blau: weiblich; rot: männlich). Die Kreise kann man sich zum Beispiel als Punktwolken aus jeweils gut vier Milliarden Menschen vorstellen – jeder Mensch ein Punkt.

Aussagenlogisch bildet der blaue Kreis die Menge aller Frauen ab und der rötliche Kreis die Menge aller Männer. Nach dem binären Geschlechtsmodell wären die Kreise vollständig voneinander getrennt.

Binäres Geschlechtermodell

Binäres Geschlechtermodell – Grafik zum Gastgbeitrag „Gedanken zum Gendern“ von Wissenschaftskommunikator Ge

Nach der Annahme, dass es Menschen gibt, die (jeweils) Anteile des anderen Geschlechts haben, überschneiden sich die Kreise (siehe Grafik 4).

Modernes/realistischeres Geschlechtermodell

Modernes/realistischeres Geschlechtermodell – Grafik zum Gastgbeitrag „Gedanken zum Gendern“ von Wissenschaftskommunikator Ge

Wie oben bereits erwähnt, wäre es eine interessante Frage, mit der sich wohl die Genderforschung beschäftigen müsste, wie groß die Überschneidung/Schnittmenge ist. Zudem ist es denkbar, dass sich die Punkte in den Kreisen bewegen, da sich Menschen unter anderem durch hormonale Schwankungen im Laufe der Zeit dem anderen Geschlechte nähern oder entfernen können (Stichworte: u.a. Pubertät/Alter).

Die oben beschriebene „Menschheitsgerade“ ließe sich beispielsweise waagerecht durch die Mittelpunkte der Kreise legen (Grafik 5).

Menschheitsgerade durch Kreise

Menschheitsgerade durch Kreise – Grafik zum Gastgbeitrag „Gedanken zum Gendern“ von Wissenschaftskommunikator Ge

Die Gesamtmenge aller Menschen – die Menschheit – ist die Vereinigungsmenge beider Kreise (siehe Grafik 6). Die Vereinigungsmenge wird in der Aussagenlogik (Mathematik) mit einem „oder“ (Symbol: ∨) ausgedrückt: Alle Menschen sind demnach F oder M (F ∨ M).

Alle Menschen

Alle Menschen – Grafik zum Gastgbeitrag „Gedanken zum Gendern“ von Wissenschaftskommunikator Ge

Die Schnittmenge (dunkellila Bereich in Grafik 6) bilden die Diversen. Die Schnittmenge wird mathematisch durch ein „und“ (∧) ausgedrückt (divers = F ∧ M) (siehe auch Grafik 7).

Diverse (lila Fläche)

Diverse – Grafik zum Gastgbeitrag „Gedanken zum Gendern“ von Wissenschaftskommunikator Ge

Schlussfolgerungen

Aus den Darstellungen geht hervor, dass die Anrede „Sehr geehrte Damen und Herren“ falsch ist! Denn das „und“ steht für eine Schnittmenge (dunkellila Fläche)!

Das heißt: Hier werden an und für sich explizit Personen angesprochen, die nicht „direkt“ Männer oder Frauen sind, sondern „dazwischen liegen“ (vulgo: divers sind). Korrekterweise müsste eine gendergerechte Anrede daher lauten: „Sehr geehrte Damen oder Herren“. Denn das „oder“ steht (zumindest aussagenlogisch/mathematisch) für die Vereinigungsmenge – also für alle Männer, alle Frauen sowie alle Menschen, die beide Kriterien erfüllen.

Laut Duden entspräche das den Definitionen 1b) sowie 1d) der Verwendung des Wortes „oder“ (siehe https://www.duden.de/rechtschreibung/oder).

 

Grammatikalisch korrekt gendern

Mit dieser Interpretation ergibt sich ein natürlicher Zugang zum Gendern! Verallgemeinert hieße die Regel: Beidnennung plus Konjunktion „oder“ ergibt korrektes Gendern.

Eine Ansprache der Form: „Sehr geehrte Damen und Herren“ ist damit nicht mehr zeitgemäß. Diese Form der Beidnennung ist eindeutig diskriminierend! Allerdings – und das ist die neue Erkenntnis – diskriminiert das „und“ nicht die intersexuellen Menschen, sondern explizit Männer oder Frauen, die sich nicht als intersexuell betrachten! Eindeutig den Männern oder Frauen zuzuordnende Personen werden im derzeit bestehenden Sprachgebrauch nur „mitgedacht“. Das ist die Diskriminierung! Auf das „und“ sollte man daher bei der Ansprache oder Nennung von Personen verschiedenen Geschlechts künftig verzichten. Möchte man korrekt formulieren, sollte man das „oder“ nutzen. Das eignet sich insbesondere dann, wenn abstrakte Menschengruppen Damen/Herren, Bürgerinnen/Bürger, Ärztinnen/Ärzte, Kolleginnen/Kollegen etc. angesprochen werden sollen. Bei der konkreten Ansprache bekannter Personen sollte das Geschlecht normalerweise bekannt sein – oder zumindest bekannt sein, wie die/eine Person angesprochen werden möchte.

Ein Nebeneffekt ist: Auch durch diese (neue/schärfere) Interpretation der Verwendung des Wortes „oder“ respektive durch diesen neuen Sprachgebrauch wird bei den Sprechenden oder Schreibenden ein Umdenken angestoßen und das Bewusstsein für das Anderssein anderer Menschen gestärkt.

Ferner ist diese Systematik auf andere Sprachen übertragbar. Im Englischen würde man dann beispielsweise nicht mehr „Dear Ladys and Gentlemen“ schreiben, sondern „Dear Ladys or Gentlemen“.

Manchen mag das alles sehr technokratisch-mathematisch daherkommen; aber Gerechtigkeit hat oft mit Mathematik zu tun: Alle bekommen ein gleich großes Stück vom Kuchen! Oder: Alle bekommen in Diskussionen gleich viel Redezeit.

Vornehmlich geht es hier ja darum, diverse Menschen sprachlich nicht zu diskriminieren. Es geht übrigens – und das ist oft auch ein Denkfehler – nicht um Schwule oder(!) Lesben: Schwule sind Männer(!), die sich sexuell zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen; Lesben sind Frauen(!), die sich ebenfalls nur sexuell zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen. Biologisch sind sie aber einfach nur Männer oder Frauen.

Falls allerdings niemand etwas dagegen einzuwenden hätte respektive sich weder „die Männer“ noch „die Frauen“ dadurch diskriminiert fühlten, könnte die Und-Form weiter benutzt werden. Ansonsten bleibt nur das nichtausschließende „oder“ (oder sprachliche Alternativen wie beispielsweise Worte wie „sowie“; siehe unten).

In einer Übergangszeit zur Eingewöhnung an den neuen Sprachgebrauch ließe sich beispielsweise auch mit der bei einigen Menschen beliebten Formulierung und/oder arbeiten (siehe beispielsweise https://www.duden.de/rechtschreibung/und_oder) („Sehr geehrte Damen und/oder Herren“) – obgleich das aussagenlogisch nicht notwendig wäre.

Im Singular ließe sich beispielsweise schreiben: Sehr geehrte Dame oder sehr geehrter Herr [Vorname Nachname]. Ferner könnte man Ansprachen der folgenden Formen wählen:

  • Sehr geehrter Mitmensch [Vorname Nachname] (maskulin)
  • Sehr geehrte Person [Vorname Nachname] (feminin)
  • Sehr geehrtes Individuum [Vorname Nachname] (neutral).

Der Möglichkeiten sind hier keine Grenzen gesetzt. Da hier aber jeweils ein Attribut (geehrte/r/s) genutzt werden muss, ist dieses sprachlich anzupassen, was wenig Charm hat.

Darüber hinaus gibt es im Deutschen verschiedene geschlechterneutrale Formen, die alle Menschen gleichermaßen ansprechen – und zwar in allen drei Genera:

  • der Mitmensch (maskulin)
  • die Person (feminin)
  • das Individuum (neutral).

In der aktuellen Diskussion über das Gendern muss man den intersexuellen Personen allerdings zugestehen, dass sie selbst entscheiden dürfen (sollten!), wie sie angesprochen werden wollen/sollen. Es kann nicht sein, dass der (vorwiegend) maskuline oder feminine Teil der Menschheit das für sie festlegt – das wäre bereits eine Art der Bevormundung oder Diskriminierung! Hier ist also die Kreativität der intersexuellen Menschen gefragt, sich zu überlegen, wie sie im Rahmen der deutschen Sprache angesprochen werden wollen.

Bestenfalls wäre das ein Neutrum so ähnlich wie Mädchen, Kind, Individuum oder so ähnlich. Schon der Begriff „Divers“ ist ja nicht unproblematisch! Ist jemand nun ein Diverser oder eine Diverse?

 

Alternativ zum „oder“

Alternativ zum „oder“ kann beispielsweise auch das „sowie“ genutzt werden: „Schülerinnen sowie Schüler der Jahrgänge…“ Um sprachlich korrekt zu sein, müsste daher beispielsweise jemand, der (nach alter Denkweise) eine Tasse und einen Becher in den Händen hält, sagen, er hält eine Tasse in der einen sowie einen Becher in der anderen Hand. All das bedeutete zwar ein Umlernen, das aber nicht an den Grundfesten der deutschen Sprache rüttelt. Im Gegenteil: Das Umlernen trägt dazu bei, sich präziser auszudrücken! (Stichwort: Sprachpflege).

 

Die Nutzung von Gender-Sonderzeichen

Da Formulierungen die Beidnennung Texte oft stark in die Länge ziehen – insbesondere, wenn sie gehäuft vorkommen, wie bei Aufzählungen wie „Ingenieurinnen oder Ingenieure, Chemikerinnen oder Chemiker, Mathematikerinnen oder Mathematiker, Physikerinnen oder Physiker“ – möge das Einführen eines Gender-Sonderzeichens überlegt werden. Die mathematischen Zeichen für „und“ oder „oder“ verbieten sich allerdings (leider) aufgrund der schlechten Lesbarkeit, weil zum Beispiel das „oder“ (∨) leicht mit dem Buchstaben V verwechselt werden kann: Bürger∨innen. Auch ein naheliegendes Fragezeichen (Bürger?innen), steht derzeit nicht in der Diskussion, das man – um es als Sonderzeichen zu nutzen und nicht als (Frage-)Satzzeichen – auch umdrehen könnte, wie im Spanischen (Bürger¿innen).

Mittlerweile sind viele Varianten von Gender-Sonderzeichen im Umlauf:

  • der Doppelpunkt
  • der Mediopunkt
  • das Binnen-I
  • i mit Trema (ï)
  • der Unterstrich

Gender-Sonderzeichen sollten allerdings nur an Textstellen genutzt werden, an denen sie grammatikalisch keine Probleme bereiten. Das kann in Tabellen sein oder bei Grafikbeschriftungen oder an unproblematischen Stellen im Fließtext. Probleme tauchen aber beispielsweise bei Begriffspaaren wie Kollege/Kollegin oder bei Umlautungen wie bei Arzt/Ärztin auf (siehe u.a. hier). Zudem eignen sich Gender-Sonderzeichen vornehmlich im Plural, weil dort beispielsweise einheitlich der Artikel „die“ verwendet wird.

Naheliegend wären ebenfalls ein Kreissymbol (○), was allerdings ebenfalls zu Verwechselungen mit einem Buchstaben (o) führen kann, oder noch auffälliger ein Regenbogen ( ) (z. B.: Bürger innen). Beide lassen sich aber nicht auf handelsüblichen Tastaturen finden und scheiden damit aus, auch wenn der Regenbogen schon die Form eines mathematischen „und“ hätte, den man umdrehen könnte, um ihn als „oder“ zu nutzen.

Das Gender-Sonderzeichen sollte allerdings nicht ideologisch „aufgeladen“ werden, um beispielsweise „ein Zeichen“ zu setzen. Insbesondere sollten wir vom sogenannten Gender-Stern(chen) Abschied nehmen: Nach den Erfahrungen mit der jüngsten deutschen Geschichte sollten wir keine wie auch immer geartete Menschengruppe wieder mit einem Stern kennzeichnen. Die Verniedlichungsform „Genderstern-chen“ macht alles noch viel schlimmer – eine Verniedlichung wird der Ernsthaftigkeit weder des einen noch des anderen Themas gerecht!

Es ist zwar verständlich und menschlich, dass jede Gruppe möglichst präsent erscheinen möchte und auch „Flagge zeigen“ will. Man muss dabei allerdings auch die Wünsche und Interessen anderer im Auge behalten – hier insbesondere die der Frauen, die zum Beispiel durch die Verwendung von Gender-Sonderzeichen sprachlich noch weiter „nach hinten rücken“ und somit noch stärker als „Appendix“ zu anderen Menschengruppen erscheinen: Denn bei allen diskutierten Formen der „geschlechtergerechten“ Sprache mit Gender-Sonderzeichen sieht die Wortzusammensetzung folgendermaßen aus: Erst kommt die männliche Form, dann ein mehr oder weniger deutliches Zeichen für die Diversen und ganz zum Schluss hängt man noch eine weibliche Form dran. Und je deutlicher das Zeichen für Diversität, desto schwächer erscheinen die Frauen. Das kann es nicht sein!

Und falls man sich für ein Gender-(Sonder-)Zeichen entscheiden wollte, gälte meine Präferenz der Weiterentwicklung des Binnen-I zu einem sogenannten Gender-I, wobei das große I nicht einfach nur ein „Trennzeichen“ darstellen soll, sondern für Worte stehen soll wie Identität, Inklusion oder Integration. Diese Form ist relativ dezent. Zudem nutzt sie einfach einen Buchstaben des deutschen Alphabets und kein irgendwie geartetes Sonderzeichen. Zugleich ist sie die kompakteste Möglichkeit überhaupt – und das I ist auf jeder Tastatur zu finden.

 

Fazit zur geschlechterspezifischen Sprache

Noch tuen sich der Duden respektive der Rat für deutsche Sprache schwer mit Vorschlägen oder Vorgaben für eine geschlechtergerechte Sprache. Das ist durchaus verständlich. Die „Oder“-Form als Beidnennung mit den Frauen am Anfang der Nennung würde allerdings deutlich dazu beitragen, die derzeit doch stark vom Männlichen geprägte Sprache auf- respektive abzulösen. Zudem würde sie rechtliche und sprachliche Probleme lösen: Niemand dürfte sich bei der „Oder“-Form mit Beidnennung diskriminiert fühlen – Diverse schon gar nicht bei der „Und“-Form mit Beidnennung! Grammatikalisch bleibt alles im Rahmen des Regelwerks – es muss ausschließlich um- respektive präziser gedacht/formuliert werden. Das ist aber bei den heute zunehmend gebräuchlichen Gender-Sonderzeichen ebenso der Fall. Mit einer klaren sprachlichen Regel, ließe sich zudem der Wildwuchs wohl eindämmen.

Das alles bedeutet ein Umlernen im Umgang mit der deutschen Sprache. Das ist im Hinblick auf die derzeit bestehende, zu stark männlich ausgerichtete Sprache und den um sich greifenden Bestrebungen, intersexuelle Menschen mehr oder weniger geschickt mittels Gender-Sonderzeichen kennzeichnen zu wollen, sowieso notwendig.

Dass sich der Sprachgebrauch bei der gendergerechten Sprache durchaus leicht ändern lässt, ohne sich verbiegen zu müssen, lässt sich auch am folgenden Beispiel gut verdeutlichen: Ich gehe nicht zum Bäcker, um mir ein Brötchen zu kaufen, auch nicht zur Bäckerin, sondern in die Bäckerei! Wenn hier jemand mosern sollte, dass hier wiederum ausschließlich die männliche Form „Bäcker“(ei) explizit erscheint, dem sein darauf hingewiesen, dass dieses Wort zumindest im Genus weiblich ist: die Bäckerei! Solcherlei Kritiken sind nicht wirklich ernst zu nehmen.

Wir müssen aufhören zu glauben, wir seien etwas Besonderes, nur weil wir Männer, Frauen oder divers sind. Denn mit dem Glauben, etwas Besonderes zu sein, beginnt die Diskriminierung! Oder im Sinne der Menschheitsgeraden oder des Gendermodells aus Grafik 4: Wir sind alles Menschen!